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Camping Radreise Mexico Nach Costa Rica

Reisebericht: Mit Fahrrad und Zelt von Mexiko nach Costa Rica

Fahrrad und Camping ist eine wunderbare Kombination. Wer die Räder hinten auf den Camper schnallt, kann jede Umgebung ganz entspannt erkunden oder Städtchen und Sehenswürdigkeiten ohne das Parkplatzproblem erobern. Für abenteuerliche Zeitgenossen lässt sich der Spieß auch umdrehen. Dann wird das Campingzelt hinten auf die Räder geschnallt und los geht die wilde Fahrt.

Unsere Autorin Geraldine ist gemeinsam mit ihrem Freund Patrick mit Fahrrädern und Zelt von Mexiko nach Costa Rica gefahren. 2.500 Kilometer durch Mexiko, Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica. Von ihren Eindrücken und Erlebnissen berichtet sie hier.

Wir halten an einer viel befahrenen Kreuzung in einer kleinen Stadt im Hinterland El Salvadors. Ich krame unsere etwas mitgenommen wirkende Papierkarte aus meiner Fronttasche hervor und breite sie so vor mir über dem Lenker aus, dass Patrick mit hineinschauen kann. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass wir es wieder einmal geschafft haben, im Bruchteil von Sekunden in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Ein junges Mädchen mit dunklen glatten Haaren und einer aufgerissenen Tüte Chips in der Hand bleibt vor uns stehen und kichert. Während Patrick und ich über den richtigen Weg debattieren, hat sich bereits eine kleine Menschenansammlung um uns herum gebildet. Die letzten Tage im Norden El Salvadors haben wir viele warmherzige Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen gehabt. Und das obwohl El Salvador in unserem Reiseführer der neuesten Auflage als das Land mit der höchsten Mordrate weltweit angepriesen wird. Seit 2017 sei hier laut Reiseführer nur ein einziger Tag ohne einen gemeldeten Mord vergangen. Vom Wildcamping wird ausdrücklich abgeraten. Die erste Nacht draußen im Freien hatten wir auf einem Berggipfel im hohen Gras mit pochendem Herzen verbracht. Das Zelt und unsere Fahrräder hatten wir gut versteckt, in der Hoffnung unbemerkt zu bleiben. Nun aber, nach einigen Tagen in diesem Land, müssen wir wieder einmal feststellen, dass ausgerechnet jenes Land, von dem nur Schauermärchen erzählt werden, der bisher schönste Abschnitt unserer Reise war.

Ein älterer grauhaariger kleiner Mann in zerrissener Hose mit offenem Hosenstall bleibt dicht neben Patrick stehen.

„Hellooo!“, ruft der Mann grinsend und streckt Patrick die Hand hin. Patrick packt mit einem freundlichen „Ola“ zu.

„Was sucht ihr?“ fragt der Mann in gutem Englisch, was selten, aber sehr praktisch ist, hier im Hinterland. Patrick und ich haben zwei Wochen vor Reisebeginn angefangen spanische Vokabelkärtchen zu büffeln. Wir geben uns Mühe, aber Spanisch klingt mit Sicherheit anders als das, was wir da von uns geben.

„Den Weg nach Sensuntepeque“, sage ich und breche mir dabei fast die Zunge. Patrick zeigt dem Mann auf der Karte, wohin wir wollen. Dieser kneift kurz die Augen zusammen, scheint aber nichts mit dem Papierfetzen anfangen zu können.

„Woher kommt ihr?“, fragt er stattdessen.

„Aus Deutschland.“, sagt Patrick

„Wo seid ihr losgefahren?“

„In Mexico, Cancun.“

„Mexiko?“, der Mann macht große Augen und wischt sich über die Stirn. Dann ruft er den Passanten auf der Straße zu, dass wir aus Mexiko hierhergefahren sind und aus Deutschland kommen. So viel verstehen wir. Nun bleiben noch mehr Menschen stehen.

„Und wohin?“

„Costa Rica, dort wohnt ihre Schwester!“, sagt Patrick und zeigt auf mich. Der Mann macht einen Schritt rückwärts, so erstaunt ist er. Einen Moment lang bewegt er sich nicht und scheint nachzudenken.

„Costa Rica? Da braucht ihr Kraft! Kommt mit!“, sagt er. Dann dreht er sich auf der Stelle um und läuft los.

Patrick und ich wechseln einen fragenden Blick, zucken die Schultern und folgen dem kleinen, alten Mann, der aussieht, als wäre die Straße sein Zuhause. Hinter uns werden ein paar Smartphones gezückt, um noch schnell ein Foto von diesen zwei seltsamen Gestalten mit ihren überquellenden Rädern zu machen, bevor sie um die Ecke gebogen sind. Vor einem Supermarkt, zwei Straßen weiter, hält der Mann an.

„Stellt eure Fahrräder hier ab.“, befiehlt er uns. Wir tun wie uns geheißen, nicht jedoch ohne den Supermarktmitarbeiter mit ein paar freundlichen Gesten darum zu bitten, ein Auge auf die Räder zu werfen. Patrick nimmt seine Lenkertasche ab. Darin sind all unsere Wertsachen (mit Ausnahme der fein säuberlich zusammengerollten Dollarscheine in der Lenkstange). Im Supermarkt kauft der Mann Kekse, Obst und Getränke, lädt alles auf unsere Fahrräder, bedankt sich bei uns, erklärt uns den Weg Richtung Sensuntepeque, wir machen ein Fotoshooting zusammen und dann ist er genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Die Idee

Ein paar Monate zuvor waren wir noch nicht so gelassen. Ganz und gar nicht. Da hatte es noch viel zu tun gegeben. Die Entscheidung zu dieser Reise hatten wir eines abends ganz spontan auf dem Sofa in unserem Zirkuswagen gefällt. Wir wollten den Winter in der Wärme verbringen und meine Schwester besuchen, die seit fünf Jahren in Costa Rica lebt. Warum also nicht mit den Rädern zu ihr? Einfach nur Strand und Palmen, da wird uns schnell langweilig. Wenn ich schon in einem Flugzeug sitzen muss, um meine Familie zu besuchen, dann soll es immerhin schön Öko mit der eigenen Muskelkraft weitergehen. Von Mitte November 2019 bis Ende Januar 2020 nehmen wir uns Zeit.

Räder, Apps, Ausrüstung, Organisation

Auf einer kleinen Tour mit unserem Camper durch das Allgäu, kaufen wir im Spätsommer 2019 ein paar gebrauchte Tourenräder über Ebay Kleinanzeigen. Die Fahrradtaschen und etwas Ausrüstung leihen wir uns von Freunden und Familie. Die Navigation möchten wir mit Papierkarten machen. Das ist zwar altmodisch, hat aber Stil, wie wir finden. Einfach wird es nicht. In einem Spezialgeschäft für Karten werden wir zwar fündig, allerdings sind die Karten von Zentralamerika auch hier eher Übersichtskarten mit unterirdischen Maßstäben.

Über eine Bekannte erfahren wir von der App „IOverlander“. Eine große Bereicherung, wie sich später herausstellen wird. Auf dieser App können Überlandreisende auf der ganzen Welt ihre Standorte eingeben, Tipps aussprechen, spezielle Tankstellen angeben oder vor Gefahren warnen. Die Karte lädt sogar offline und unterwegs konnten wir so zumindest feststellen, wo wir uns gerade befanden. „IOverlander“ ist ursprünglich für Van-, und Wohnmobilfahrer entwickelt worden, die Länder oder ganze Kontinente auf eigene Faust erkunden. Falls du also den nächsten Trip mit dem Camper spontan angehen willst, können wir dir diese tolle App unbedingt empfehlen. Für Fahrradfahrer und Wanderer gibt es noch eine weitere App, die tolle Funktionen besitzt: Komoot. Hier lassen sich Höhenprofile verschiedener Strecken erstellen und somit auch vergleichen. Auch Komoot können wir wärmstens empfehlen.

Schlafen werden wir in einem kleinen, uralten 2-Personen Zelt. Seit wir uns zu dieser Tour entschieden haben, hören wir von überall, wie gefährlich Zentralamerika sei. Drogenschmuggel, Bandenkriminalität, betrunkene LKW-Fahrer und giftige Tiere. Wildcamping ist da vielleicht nicht jede Nacht die richtige Entscheidung. Im Nachhinein ist uns nichts passiert, auch wenn wir in manchen Nächten nicht ruhig schlafen konnten, vor lauter Ungewissheit.

Ich erinnere mich an eine Nacht in Belize bei einer Familie, die zu zehnt in einer winzigen Hütte wohnte. Drei Tage haben wir mit ihnen verbracht und eine wunderbare Zeit gehabt. Wir haben beim Ausbau der Hütte geholfen, wurden auf dem Dach des Pickups umhergefahren und durften Pferde stehlen. In den Nächten haben wir unser Zelt vor ihrer Hütte aufgebaut, drinnen war nicht genügend Platz. Die Männer der Familie haben Patrick eine riesige Machete in die Hand gedrückt. Drei Hunde an Ketten wurden um unser Zelt herum angebunden. „Viel Glück!“, haben sie gesagt und waren hinter einem überdimensionalen Riegel in der Hütte verschwunden.

Ein paar Nächte haben wir auf dieser Tour dann doch in günstigen Unterkünften verbracht, um uns endlich mal wieder ordentlich zu waschen, die durchgeschwitzten Shirts mit Seife zu reinigen und E-Mails im Internet zu checken. Man wird eben auch nicht jünger.

Unser Gepäck wird aus acht Fahrradtaschen bestehen. Da wir im Voraus nicht einschätzen können, wie oft sich eine Möglichkeit ergeben würde, Fahrradwerkzeug oder Ersatzteile aufzutreiben, haben wir gleich eine ganze Tasche mit eventuell brauchbaren Kleinteilen gefüllt. Schläuche, einen Bremszug, eine Ersatzkette und allerhand Werkzeug. Jeder von uns bekommt eine Tasche mit Klamotten, Handtuch und Schlafsack. Eine weitere Tasche geht für das uralte Zelt drauf. Unsere Isomatten und eine Zeltplane, die auf der Tour unser Wohnzimmer sein wird, stecken wir in die fünfte Tasche. Tasche Nummer sechs ist gefüllt mit Kartenmaterial, einer Power Bank, einer GoPro mit Zubehör, einem E-BookReader, je einem Notizbuch und sonstigen Kleinteilen wie Handyladekabel und Kulturbeutel. Tasche Nummer sieben ist unsere Küchentasche. In dieser verstauen wir einen Topf, einen Spirituskocher, einen Mini-Stöckchenkocher für alle Fälle, ein paar Gewürze, je eine Gabel und einen Löffel und eine Spülbürste. Tasche Nummer acht schließlich soll leer bleiben. Sie wird unser Vorratslager für gelegentliche Fressattacken und einen allmorgendlichen zivilisierten Frühstücksbrei aus Haferlocken, Wasser und Obst.

Als die Flüge gebucht sind, versuchen wir, beide Fahrräder in eine einzige Sportgepäckabmessung zu quetschen. Damit wollen wir uns die achzig Dollar für das zweite Sportgepäck sparen. Nach etwa drei Stunden und zwei Fahrrädern in ihren letzten Einzelteilen geben wir auf. Nichts zu machen. Der Karton wird einfach zu schwer. Wir buchen also ein zweites Sportgepäck, welches inzwischen natürlich zwanzig Dollar teurer geworden ist und basteln aus alten Kartons und meterweise Paketband zwei Hüllen für unsere Räder. Das Zelt und unsere Isomatten stopfen wir mit in die Pappkartons. Unsere Fahrradtaschen stecken wir jeweils zu dritt in eine große IKEA und eine ebenso große Möbel Braun Tüte von meiner Oma. Mit zwei Kartons auf dem Autodach und einem Kofferraum voller Gepäck geht es also los zum Flughafen in Frankfurt.

Unterwegs

In Cancun, Mexiko landen wir am Mittag gegen 14 Uhr Ortszeit. Vor Dunkelheit müssen die Fahrräder zusammengebaut und beladen sein und wir brauchen einen Schlafplatz. In Zentralamerika sollen sich Touristen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr in Gegenden bewegen, in denen sie sich nicht auskennen. Daran möchten wir uns unbedingt halten. Aber Fehlanzeige. Nachdem wir in der Dämmerung an drei Tankstellen, einem Golfclub und einem Freizeitpark nach einem kleinen Plätzchen für unser Zelt für eine Nacht gebeten haben, schlagen wir unser Nachtlager etwas geknickt und voller Sorgen neben einer Autobahnbrücke auf einem verlassenen Baugrundstück auf. Jeder einzelne Quadratzentimeter im Süden Mexikos scheint Privatgelände zu sein. Hier kennt man Touristen offenbar eher als liquide Resort Besucher und nicht als mittellose „Fahrradhippies“ mit Zelt. Herzlichen Dank. Gleich die erste Nacht verbringen wir genau da, wo man als Tourist auf KEINEN FALL sein soll: Mutterseelenallein in einer zwielichtigen Vorstadtgegend neben der Autobrücke.

In den ersten Tagen „grooven“ wir uns ein, lernen Land und Leute kennen, gewöhnen uns an die Hitze und den Straßenstaub und verstehen schnell, dass unsere Grundnahrung in den nächsten Tagen wohl aus Tortillas und Gemüse bestehen wird. Kochen wollten wir mit Spiritus, denn das sollte nun wirklich auf der ganzen Welt aufzutreiben sein. Mitnichten. In unzählbar vielen Läden und sieben verschiedenen Ländern fragen wir uns durch und werden nur immer wieder unverständig angeblickt. Nichts zu machen. Zum Glück aber besitzt Patrick diesen winzigen zusammenklappbaren „Stöckchenkocher“, mit dem sich Kaffeewasser kochen lässt und auf welchem man wunderbar Tortillas angrillen kann. Dazu braucht es lediglich eine Handvoll trockener Äste. Um das Feuer zu entzünden, fehlt uns allerdings meist Papier oder Pappe und so müssen wir jeden Abend lange mit knurrenden Bäuchen mit den Stöckchen im Kocher um unser Abendessen kämpfen. Als wir in einem kleinen Dorfladen im Norden von Belize mal wieder nach Brennspiritus fragen, zeigt uns die Verkäuferin, wie das bei den Hausfrauen im Ort so üblich ist: Sie kramt eine leere Plastikflasche aus dem Mülleimer hervor und entzündet diese mit ihrem Feuerzeug vor uns auf dem Verkaufstresen. Alles klar. Die Deutschen stellen sich eben einfach wieder einmal zu kompliziert an. Müll ist überall zu finden und mit einer zusammengeknüllten Plastiktüte zwischen den Stöckchen geht es offen gestanden einfach schneller.

Das Müllproblem

Wir kommen nicht drumherum. Oft kaufen wir unser Essen für die nächsten Tage in kleinen Dorfläden und jedes Mal müssen wir erneut feststellen, dass es in diesen Läden nichts gibt, das nicht in Plastik eingeschweißt wäre. Selbst das Gemüse liegt fertig abgepackt in Plastiktüten bereit. Mit jeder Mahlzeit, die wir zu uns nehmen, produzieren wir einen riesigen Haufen Müll. Die Entsorgung dieses Haufens erweist sich oft zusätzlich als schwierig. Im Dschungel gibt es meist natürlich kilometerweit keine Mülleimer und wenn wir dann am nächsten Dorfrand ein solches Ding entdecken, dann ist der Mülleimer meist schon selbst unter einem Haufen Müll bis zur Unkenntlichkeit vergraben. Unsere neue Challenge für diese Tour heißt also: Plastikfrei Reisen. In El Salvador bekommen wir von netten Menschen zwei Holzschalen geschenkt. Von da an essen wir an Straßenständen nie wieder von einem Styroporteller, sondern bitten die verwunderten Pupusa-backenden Frauen darum, uns das Essen in die Holzschalen zu füllen. Pupusas sind gefüllte Maisfladen, nach denen wir unterwegs richtig süchtig werden.

Wir versuchen, unser Obst und Gemüse nicht an der nächstbesten Ecke zu kaufen, sondern so lange mit den Fahrrädern umherzugurken, bis wir einen Stand gefunden haben, an dem es das Gemüse noch in natura gibt. Dadurch fahren wir so einige Extrakilometer auf den Tacho. Natürlich sind all diese Versuche hinsichtlich unserer Umwelt lächerlich, wenn man bedenkt, wie weit wir geflogen sind, um überhaupt hier zu landen. Natürlich. Versuchen wollen wir es dennoch.

Das Fahrradfahren selbst ist offen gestanden meist kein idyllisches Landschaftserlebnis. Selten gibt es Feldwege und wenn doch, dann sind es solch verkommene Schotterpisten, dass das Vorankommen unglaublich mühsam und schweißtreibend ist. Die meiste Zeit fahren wir also auf dem Seitenstreifen des Highways, wenn es denn einen Seitenstreifen gibt. Vorbei an überfahrenen Hunden, Aasgeiern, Müll und stinkender Kanalisation. Andauernd überholt uns einer dieser lauten, uralten, amerikanischen Trucks und wenn die LKW-Fahrer sich über uns freuen oder ärgern, dann drücken sie auf die Hupe und unsere Trommelfelle vibrieren so stark, als würde uns eine ganze Elefantenherde direkt in die Gehörgänge trompeten. Abstandhalten oder Langsamfahren ist nicht wirklich „In“ bei zentralamerikanischen LKW-Fahrern und so passiert es ein paar Mal, dass wir im Vorbeifahren gestreift werden und im Graben landen.

Andererseits sind die schönen Abschnitte durch die Erfahrungen auf den Highways umso schöner und jeder Berg, den wir bei 37° oder mehr „erradeln“, gibt uns ein gutes Gefühl. Wir lernen ein bisschen besser Spanisch und in fast jeder kleinen Pause kommen wir mit netten Menschen ins Gespräch, werden nachhause mitgenommen und zum selbstgeangelten Fisch essen eingeladen oder schlürfen Kokosnüsse am Straßenrand

Das Wildcamping bleibt für uns eine ganze Weile gewöhnungsbedürftiger als gedacht. Zeltplätze sind in Zentralamerika natürlich mehr als selten und so versuchen wir oft, ein Plätzchen im Vorgarten der örtlichen Feuerwehr, neben einer Kirche im Dorf oder bei Privatleuten zu ergattern. Eigentlich sind wir aber viel lieber draußen in der Wildnis und haben auch einfach gerne mal unsere Ruhe.  Mit dem Wildcampen hatten wir noch nie ein Problem, in Zentralamerika wird es aber zu einer unverhofft großen Herausforderung. Die meisten Flächen sind privat und mit großen Warnhinweisen versehen. Im Dschungel ist das Unterholz so dicht, dass wir kein Plätzchen für unser Zelt finden und wenn doch, dann sehen wir gerade noch eine Schlange in giftiges Rot gekleidet davonschlängeln, werden von Moskitos massakriert, von Taranteln belästigt oder von den Einheimischen vor Krokodilen gewarnt. Die Wildnis ist hier noch wirklich wild. Die Moskitos aber sind am Schlimmsten, denn sie sind überall. Schon nach der zweiten Nacht sehen wir aus wie Streuselkuchen. Jede kleine Pause im Schatten endet auch tagsüber in einem regelrechten Massaker, sodass wir früher oder später nicht mehr an Erholung denken können und uns lieber wieder in der prallen Mittagshitze auf die Räder schwingen, um diesem stechenden Albtraum zu entkommen.

Wir beide mögen die Hitze und kommen überraschend gut damit klar, auch wenn wir immer wieder feststellen, dass wir an einem wolkigen Tag viel mehr Kilometer machen, als in der prallen Sonne. Meist fahren wir früh am Morgen los, machen in der Mittagshitze irgendwo im Schatten eine Pause, in der Hoffnung eine weitgehend moskitofreie Zone ergattert zu haben, und radeln gegen Nachmittag weiter. Wir machen am Tag zwischen 20 und 160 Kilometer, je nach Gelände und Zwischenfällen wie netten Gespräche, Einladungen oder einem schönen See, an dem wir länger verweilen möchten. In der Hitze trinken wir auf dem Fahrrad jeden Tag etwa sieben Liter. Oft ist das Wasser aber nicht gerade gut und schon der Geschmack dieser lauwarmen Brühe regt dazu an, nur so viel wie unbedingt nötig zu trinken, bis wir eine bessere Quelle finden. Pipi müssen wir fast nie. Stattdessen schwitzen wir. Nach etwa drei Wochen auf den Rädern hat Patrick dann aber plötzlich eine Blasenentzündung. Wir müssen ein paar Tage Pause einlegen und viel trinken ohne zu schwitzen, um alles nicht noch schlimmer zu machen.

Auf unserem Weg kommen wir an einigen alten Maya-Ruinen vorbei. Einmal starten wir sogar den Versuch einer Besichtigungstour, aber als vor den Toren der Sehenswürdigkeit kitschige Maya-Luftballons, Lollis und Plastiksouvenirs in allen erdenklichen Formen und Farben angeboten werden, vergeht uns die Lust und wir schwingen uns wieder auf die Drahtesel. Die einzige Touristenattraktion, die wir unterwegs bestaunen, ist der Vulkan Conceptión auf der Izla de Ometepe in Nicaragua.

Fazit

Nach vier Wochen und unendlich vielen Schweißtropfen, erreichen wir Jacó an der Pazifikküste in Costa Rica. Hier werden wir weitere vier Wochen bleiben und den Laden meiner Schwester renovieren.

Die letzten Wochen waren kräftezehrend und wunderschön. Wir sind froh, Zentralamerika mit Fahrrad und Zelt erkundet zu haben. Durch die Kombination aus Radfahren und Camping sind wir mit unzählbar vielen Menschen in authentischen Kontakt gekommen, anstatt den Großteil unserer Zeit in touristischen Reisebussen oder Hotels zu verbringen. Natürlich bedeutet authentisch auch, dass wir vor allem die dreckigen und wenig gepflegten Gegenden des Landes bestaunt haben und nur selten schöne Städte wie zum Beispiel Granada in Nicaragua erkundet haben. Nicht jede Sehenswürdigkeit lag auf unserer Strecke und für uns sind vor allem die Begegnungen mit Menschen und die kleinen und großen Abenteuer unterwegs erlebenswert.

Eine Fahrradtour mit dem eigenen Zelt durch Zentralamerika ist meiner Meinung nach wirklich nur eine Option für unerschrockene und abenteueroffene Reisende. Außerdem musst du einen langen Flug hinter dich bringen und die Strecke ist nicht gerade mit erholsamen Urlaubsradeln zu vergleichen. Abenteuer, Einlassen, Annehmen ist hier gefragt.

In Europa gibt es hingegen lohnenswerte Radstrecken entlang von Flüssen oder über Bergketten, die jedes Camper Herz erobern. Ob als Tagestour vom Wohnmobilstellplatz aus, oder mehrtägig mit Zelt – Camping und Radfahren ergänzen sich perfekt.

Fotos: (c) Geraldine Schüle

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