Während auf dem Caravan Salon die meisten Hersteller noch zögern, zeigt ein Demonstrator von CityFreighter und Vöhringer, dass elektrische Wohnmobile längst mehr sind als eine ferne Zukunftsvision.
Sebastian hat sich auf der Messe mit Michael Schöning von CityFreighter getroffen und einen Blick auf ein vollintegriertes E-Wohnmobil geworfen, das mit seinen technischen Daten überrascht. Die wichtigste Erkenntnis: Elektromobilität im Wohnmobilbereich ist machbar und könnte schneller Realität werden als viele denken.
Inhaltsverzeichnis
- Warum die Branche bisher zögerte
- Der Demonstrator: Beeindruckende technische Daten
- Der Praxistest: 430 Kilometer sind möglich
- Die Niedrigflur-Plattform als Schlüssel
- Zukunftssicher durch modularen Aufbau
- Schnellladen wird immer effizienter
- Die Koalition der Willigen
- Wann kommt das erste Serienfahrzeug?
- Produktion: Europa und Asien kombinieren
- Fazit: Die Elektro-Wohnmobil-Zukunft nimmt Fahrt auf
Warum die Branche bisher zögerte
Jahrzehntelang musste die Wohnmobilbranche mit dem arbeiten, was die großen Fahrzeughersteller übrig ließen. Chassis von Mercedes Sprinter oder Ford Transit bildeten die Basis, auf der Aufbauhersteller ihre Wohnmobile konstruierten. Diese Verbrenner-Fahrwerke ließen sich nach Belieben bearbeiten: bohren, sägen, schweißen – alles kein Problem.
Mit der Elektromobilität ändert sich das grundlegend. Hochvolttechnik, Cybersecurity und Functional Safety stellen völlig neue Anforderungen. Wie Michael Schöning berichtet, liefen verschiedene Hersteller bereits bei Mercedes vor. Die Antwort war ernüchternd: Es sei ein Nischenmarkt, man müsse die Kunden umerziehen. Diese Haltung war für Schöning und sein Team der Auslöser, selbst aktiv zu werden.
Der Demonstrator: Beeindruckende technische Daten
Das Fahrzeug, das auf dem Caravan Salon zu sehen ist, hat die Maße eines klassischen vollintegrierten Wohnmobils: 6,95 Meter Länge. Doch die inneren Werte überraschen. Die Kombination aus Leichtbau-Expertise von Vöhringer und durchdachter Aerodynamik macht den Unterschied.
Die komplette Inneneinrichtung inklusive Wärmepumpe und Kühlschrank wiegt lediglich rund 600 Kilogramm. Zusammen mit der großen 128-Kilowattstunden-Batterie bringt es das fahrbereite Fahrzeug auf ein Gesamtgewicht von etwa 3,5 Tonnen. Bei der geplanten Führerscheinerweiterung auf ein zulässiges Gesamtgewicht von 4,25 Tonnen für E-Fahrzeuge verbleibt somit eine praxisgerechte Zuladung von rund 750 Kilogramm.
Besonders interessant ist die Aerodynamik. Das Fahrzeug ist in Wassertropfenform aufgebaut: vorne zwei Meter breit, in der Mitte 2,35 Meter und hinten wieder zwei Meter. Selbst Details wie die Größe der Außenspiegel oder eine spätere Nahtlos-Integration der Markise spielen eine entscheidende Rolle für den Luftwiderstand.
Der Praxistest: 430 Kilometer sind möglich
Theoretische Werte sind das eine, die Praxis das andere. Als ein Entwicklungsleiter eines süddeutschen Herstellers behauptete, mehr als 260 bis 270 Kilometer Reichweite seien nicht erzielbar, führte das Team von CityFreighter den Beweis an. Sie beluden den Demonstrator mit Schraubenkisten auf das maximale Gewicht von 4,25 Tonnen und absolvierten einen ausgiebigen Test in Aachen – bergauf, bergab, Autobahn.
Das Ergebnis: 430 Kilometer echte Reichweite. Nach Einschätzung von Michael Schöning braucht es keine 600 oder 700 Kilometer, wie manche Hersteller fordern. Entscheidend ist vielmehr die Kombination aus einer praxistauglichen Reichweite (um 400 km) und einer Schnellladefähigkeit von mindestens 200 Kilowatt.
Die Niedrigflur-Plattform als Schlüssel
Ein wesentlicher Unterschied zu herkömmlichen Wohnmobilen liegt in der Konstruktion des Fahrgestells. Während traditionelle Plattformen wie beim Fiat Ducato eine Fußbodenhöhe von 600 bis 700 Millimetern aufweisen, arbeitet CityFreighter mit einer speziellen Low-Floor-Plattform (Niedrigflurfahrwerk). Diese liegt bei nur 350 bis 400 Millimetern über dem Boden.
Der Vorteil: Die Batterie lässt sich geschützt und komplett im Fahrzeugboden unterbringen, was gleichzeitig für einen niedrigen Schwerpunkt sorgt. Zudem ist die Konstruktion flexibel: Je nach Einsatzzweck – etwa bei einem städtischen Lieferfahrzeug – kann die Batteriegröße angepasst werden.
Zukunftssicher durch modularen Aufbau
Ein Wohnmobil ist für viele Menschen eine langfristige Investition, die zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Jahre genutzt wird. Gleichzeitig entwickelt sich die Batterietechnologie rasant weiter. CityFreighter hat darauf eine clevere Antwort: Der Batterieraum ist so konstruiert, dass zukünftige Batteriegenerationen in vier bis fünf Jahren nachgerüstet werden können, ohne das Chassis verändern zu müssen.
Wie Michael Schöning aus eigener Erfahrung mit seinem Tesla berichtet, halten moderne Batterien ohnehin deutlich länger als früher angenommen. Fahrzeuge mit 300.000 bis 500.000 Kilometern Laufleistung weisen oft noch 80 Prozent Restkapazität auf. Die aktuellen Standards der Hersteller liegen bei etwa 3.000 Ladezyklen.
Schnellladen wird immer effizienter
Schöning, der regelmäßig die Strecke von Aachen zu Vöhringer nach Reutlingen fährt, erlebt die Fortschritte beim Laden hautnah. An modernen Schnellladestationen ist das Fahrzeug oft schon wieder fahrbereit, noch bevor er die Bestellung für seinen Burger überhaupt entgegengenommen hat. Diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren weiter beschleunigen.
Für Camper bedeutet das: Eine Pause nach 300 bis 400 Kilometern passt ohnehin gut zum entspannten Reisen. Mit hoher Ladeleistung wird diese Pause zur sinnvollen Erholung, statt zum lästigen Zeitverlust.
Die Koalition der Willigen
Das Ziel von CityFreighter ist nicht zwingend, selbst als Endkunden-Marke Wohnmobile zu verkaufen. Vielmehr wollen sie zeigen, was technisch möglich ist, und Partner aus der Branche zusammenbringen. Michael Schöning spricht von einer „Koalition der Willigen“ – ein Zusammenschluss von Unternehmen, die das Thema Elektromobilität aktiv vorantreiben wollen, statt weitere Jahre verstreichen zu lassen.
Bislang haben sich vor allem namhafte Zulieferer und Player aus der Supply Chain gemeldet, die Komponenten beisteuern wollen. Gespräche mit den großen Wohnmobilherstellern stehen an. Der Ansatz lautet: Nicht das Feld kampflos chinesischen Herstellern überlassen, sondern strategisch kooperieren und Win-win-Situationen schaffen.
Wann kommt das erste Serienfahrzeug?
Die konservative Schätzung von CityFreighter: Bis Ende 2028 könnte eine erste Klein- bzw. Pilotserie auf den Markt kommen. Das klingt nach viel Zeit, ist aber im Automotive-Bereich realistisch. Selbst chinesische Entwicklungszyklen benötigen rund zwei bis zweieinhalb Jahre, und allein die europäische Homologation (Zulassung) nimmt viel Zeit in Anspruch.
Die Kleinserie dient zunächst als Testflotte für Straßentests mit Partnern. Entscheidend für den späteren Markterfolg wird laut Schöning der Preis sein: Das elektrische Wohnmobil muss preislich in einer ähnlichen Liga wie heutige Verbrenner-Modelle spielen. Das funktioniert nur über Stückzahlen und Skalierung.
Produktion: Europa und Asien kombinieren
Um wettbewerbsfähige Preise zu erreichen, denkt CityFreighter über eine globale Kombination nach: Das Grundchassis oder die Rohkabine könnten in Asien gefertigt werden, während die Endmontage und der Ausbau in Europa stattfinden. Auch bei den Batterielieferanten (wie CATL) setzt man auf etablierte Partner, um die Lieferkette abzusichern.
Dieser pragmatische Ansatz unterscheidet sich deutlich von der abwartenden Haltung mancher Branchenvertreter. Statt darauf zu hoffen, dass klassische Fahrzeughersteller irgendwann die perfekte Basis liefern, sucht CityFreighter eigenständig nach Lösungen.
Fazit: Die Elektro-Wohnmobil-Zukunft nimmt Fahrt auf
Der Demonstrator von CityFreighter und Vöhringer zeigt eindrucksvoll, dass elektrische Wohnmobile keine reine Zukunftsmusik mehr sind. Mit über 400 Kilometern Reichweite, Schnellladefähigkeit und durchdachtem Leichtbau sind die technischen Voraussetzungen bereits heute gegeben. Die Niedrigflur-Plattform ermöglicht eine flexible Batterieintegration, und der modulare Aufbau macht das Konzept zukunftssicher.
Bis Wohnmobile dieser Art beim Händler stehen, wird es noch ein paar Jahre dauern. Doch die Dynamik in der Branche ist spürbar: Während manche noch abwarten, formiert sich eine Koalition von Unternehmen, die das Thema aktiv anpackt. Collaboration statt Stillstand – das könnte der Schlüssel für das Camping von morgen sein.
Du willst das komplette Gespräch von Sebastian mit Michael Schöning hören und mehr über die technischen Details erfahren? Die ganze Podcast-Folge vom Caravan Salon findest du hier.
Podcast · Folge 426
Caravan Salon live: Wird das E-Wohnmobil jetzt endlich alltagstauglich?



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