Am 27.10.2026 hat BR24 unter der Überschrift „Krise oder Normalisierung?“ gefragt, wie es um die Campingbranche steht. Aufhänger waren die September-Zahlen des Caravaning Industrieverbands Deutschland (CIVD). Der Verband selbst sieht darin laut BR keine Marktsättigung: Jonathan Kuhn vom CIVD verweist auf die angespannte Wirtschaftslage, auf saisonale Effekte zum Jahresende und darauf, dass die Corona-Jahre die Perspektive verzerrt hätten.
Der Beitrag hat mich dazu gebracht, noch einmal tiefer in die Zahlen einzusteigen und meine eigenen Gedanken und Gefühle dazu zu sortieren. Ich beobachte diese Branche fast 15 Jahren aus nächster Nähe, auf Messen, in Gesprächen mit Herstellern, Händlern, Zulieferern, und vor allem auch mit euch, den Camperinnen und Campern.
Eines vorweg: Ich bin keine Wirtschaftsexpertin. Was folgt, ist keine fundierte Marktprognose, sondern eine persönliche Einordnung. Die Zahlen, auf die ich mich stütze, stammen vom Caravaning Industrie Verband (CIVD), vom Statistischen Bundesamt und aus Medienberichten der letzten Monate. Die Schlüsse daraus sind meine eigenen.
Inhaltsverzeichnis
Was die Zahlen bis September verraten
Neun Monate: eine Delle
Von Januar bis September 2026 wurden in Deutschland 57.890 Reisemobile neu zugelassen, 7,2 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2025. Bei den Caravans waren es 15.396 Fahrzeuge, ein Minus von 4,8 Prozent. Zusammen sind das rund 73.300 Freizeitfahrzeuge nach neun Monaten, gegenüber etwa 78.600 im Vorjahr.
Das klingt nach einer Delle, nicht nach einem Absturz.
Drittes Quartal und September: die Kurve wird steiler
Spannend wird es, wenn man nur auf die letzten drei Monate schaut. Im dritten Quartal lagen die Reisemobil-Neuzulassungen mit 14.037 Fahrzeugen 22,2 Prozent unter dem Vorjahresquartal. Der September allein brachte ein Minus von 30,8 Prozent bei Reisemobilen und 18,3 Prozent bei Caravans. Je kürzer der Zeitraum, desto größer das Minus.

Was das fürs Gesamtjahr heißen könnte
Zur Einordnung: Das Jahr 2025 endete mit 94.134 Neuzulassungen. Wiederholt sich im vierten Quartal der prozentuale Rückgang des dritten Quartals, käme 2026 rechnerisch auf rund 86.000 Neuzulassungen. Das ist meine eigene Überschlagsrechnung, ein Szenario, keine Prognose. Es wäre der niedrigste Jahreswert seit 2020, aber weiterhin mehr als 2019.
Was der CIVD sagt, und was er nicht erklärt
Der CIVD erklärt den Rückgang gegenüber BR24 unter anderem mit der Saison: Zum Jahresende würden traditionell weniger Fahrzeuge gekauft.
Das stimmt grundsätzlich, erklärt aber nicht, warum der September 2026 so viel schwächer ausfällt als der September 2025. Verglichen wird ja Monat mit Vorjahresmonat, die Saison steckt in beiden Zahlen.
Das zweite Argument, die Kaufzurückhaltung wegen der Wirtschaftslage, halte ich für richtig. Größere Anschaffungen werden verschoben, und Camping ist davon nicht ausgenommen. Nur ist das aus meiner Sicht nicht der einzige Grund.
Der lange Blick: Eine Spitze, die nicht halten konnte
2014 bis 2019: sechs Jahre Wachstum
Um die aktuellen Zahlen zu bewerten, hilft es, weiter zurückzuschauen. Die Caravaning-Branche hat von 2014 bis 2019 sechs Jahre in Folge zugelegt. 2019 gab es 80.863 Neuzulassungen. Zum Vergleich: 2015 waren es noch gut 47.000. Der Markt hat sich in nur vier Jahren fast verdoppelt.
Schon damals hatte ich das Gefühl, dass wir uns einem Punkt nähern, an dem zumindest eine leichte Stagnation eintreten müsse. Irgendwann sind die Menschen, die sich ein Campingfahrzeug leisten können und wollen, versorgt.
2020 und 2021: der Corona-Ausreißer
Dann kam Corona. 2020 schossen die Neuzulassungen auf 107.203 Fahrzeuge, ein Plus von fast einem Drittel in einem einzigen Jahr. 2021 folgten noch einmal 106.138.
Beide Jahre waren aus meiner Sicht keine Fortsetzung des Trends, sondern ein Ausreißer: Pauschalreisen fielen aus, Flüge waren unsicher, Camping war die eine Urlaubsform, die noch ging. Viele Menschen haben Kaufentscheidungen vorgezogen, die sie sonst erst Jahre später oder gar nicht getroffen hätten.
Jahr | Neuzulassungen | Was passiert ist |
|---|---|---|
2010 | ca. 34.000 | Ausgangspunkt |
2015 | ca. 47.000 | Stetiges Wachstum |
2019 | 80.863 | Sechstes Rekordjahr in Folge |
2020 | 107.203 | Corona: plus ein Drittel in einem Jahr |
2021 | 106.138 | Zweites Ausnahmejahr |
2022 bis 2025 | 90.000 bis 96.000 | Rückkehr zur Trendlinie |
2026 | ca. 86.000 (Szenario) | Eigene Überschlagsrechnung, keine Prognose |
Quelle: CIVD-Jahresbilanzen 2019 bis 2025, Stand Oktober 2026.

Ohne Corona-Jahre: eine ziemlich gerade Linie
Die Grafik zeigt, warum ich den aktuellen Rückgang für normal und absehbar halte. 2010 lag der Markt bei knapp 34.000 Fahrzeugen, 2019 bei über 80.000. Das ist mehr als eine Verdopplung in zehn Jahren, mit zwischenzeitlichen Dellen, aber ohne Pandemie.
Zieht man die beiden Corona-Jahre gedanklich heraus, läuft die Linie von 2019 recht gleichmäßig weiter: 2022 bis 2025 pendeln die Neuzulassungen zwischen 90.000 und 96.000. Das ist deutlich mehr als vor der Pandemie, aber keine Fortsetzung der Rekordjagd.
Wenn 2026, wie die bisherigen Zahlen vermuten lassen, bei rund 86.000 landet, ist das für mich ein Schritt zurück Richtung Trendlinie, nicht der Zusammenbruch eines Marktes. Beweisen lässt sich das nicht. Wie sich das Ganze ohne Pandemie entwickelt hätte, weiß niemand.
Die späte Rechnung: Privatkunden kaufen, Gewerbe bricht weg
Was die Branche jetzt spürt, ist aus meiner Sicht die späte Rechnung für zwei Jahre, in denen die Nachfrage jede Produktionsplanung sprengte. Wer 2021 mit einem Jahr Lieferzeit bestellt hat, hat 2026 keinen Bedarf für ein neues Fahrzeug.
Ein Detail aus der CIVD-Jahresbilanz 2025 stützt diese Lesart: Die privaten Reisemobil-Neuzulassungen stiegen um 7,2 Prozent, die gewerblichen gingen um 9,7 Prozent zurück. Konkret heißt das:
Privatkunden kaufen weiterhin.
Was in Teilen wegbricht, sind Vermieter und Händler, die ihre Flotten und Höfe in den Boomjahren ausgebaut haben, vielfach wohl auch zu optimistisch.
Was die Neuzulassungen nicht zeigen
Neuzulassungen messen, wie viele neue Fahrzeuge verkauft werden. Sie sagen nur sehr bedingt etwas darüber aus, wie viele Menschen tatsächlich campen. Und genau da wird das Bild ein anderes:
Der Bestand wächst weiter
Seit April 2025 sind in Deutschland erstmals mehr als eine Million Reisemobile zugelassen, dazu rund 800.000 Caravans. Die Zahl der Freizeitfahrzeuge hat sich seit 2017 mehr als verdoppelt. Und jedes neu zugelassene Fahrzeug bleibt in der Regel viele Jahre auf der Straße.
Der Gebrauchtmarkt läuft auf Rekordniveau
2025 wechselten 192.239 Reisemobile und Caravans den Besitzer, 2,7 Prozent mehr als 2024 und ein neuer Höchstwert. Auf jedes neue Fahrzeug kommen zwei gebrauchte.
Die Campingplätze melden Rekorde
2025 zählte das Statistische Bundesamt rund 44,7 Millionen Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen, 4,2 Prozent mehr als 2024 und das vierte Rekordjahr in Folge. Gegenüber 2019 ist das ein Plus von rund 25 Prozent. Jede elfte Übernachtung in Deutschland findet inzwischen auf einem Campingplatz statt.
Anders gesagt: Bis einschließlich 2025 wurde nicht weniger gecampt, sondern mehr. Es werden nur weniger neue Fahrzeuge gekauft. Ob das Campingjahr 2026 an den Rekord anknüpfen kann, werden die Destatis-Zahlen erst im Frühjahr zeigen.
Eine Einschränkung: Übernachtungen sind keine Personen. Mehr Übernachtungen können auch längere oder häufigere Aufenthalte derselben Camper sein. Dieser Unterschied verschwimmt in der Berichterstattung oft. Wer heute ein gut erhaltenes Fahrzeug aus dem Boomjahr 2021 gebraucht kauft, taucht in keiner Neuzulassungsstatistik auf, steht aber im Sommer genauso auf dem Platz.
Die Schattenseite: Volle Höfe, teures Geld, erste Pleiten
So nüchtern die Gesamtzahlen sind, so hart trifft die Entwicklung einzelne Unternehmen. Und hier will ich nichts schönreden.
Das Kernproblem: Überproduktion
Neben der schwächeren Nachfrage, die auch Hersteller wie Knaus Tabbert nennen, heißt ein Kernproblem Überproduktion. Die Hersteller haben in den Boomjahren Werke ausgebaut, Kapazitäten hochgefahren und ihre Planung an einer Nachfrage ausgerichtet, die es so nur zwei Jahre lang gab. Der CIVD selbst spricht inzwischen davon, dass die Hersteller die Nachfrage zu optimistisch eingeschätzt haben und ein Überangebot entstanden ist.
Auf manchen Händlerhöfen stehen Fahrzeuge seit mehr als 24 Monaten unverkauft. Jedes davon bindet bei Reisemobilen einen fünf- bis sechsstelligen Betrag, der bei gestiegenen Zinsen jeden Monat Geld kostet.
Die Folgen sind seit 2024 sichtbar. Hier einige Beispiele:
Knaus Tabbert
Knaus Tabbert hat Ende 2024 die Produktion in zwei Werken vorübergehend gestoppt, Kurzarbeit eingeführt und 2025 als Konsolidierungsjahr verbucht. Im August 2026 hat der Konzern seine Prognose wegen schwächerer Endkundennachfrage und zurückhaltender Händler eingeengt: Das Umsatzziel von rund 950 Millionen Euro bleibt, die erwartete Marge liegt nun bei 5 bis 6 statt 5 bis 7 Prozent.
Dethleffs
Dethleffs, Konstrukteur des ersten deutschen Wohnwagens im Jahr 1931, hat sein Caravan-Portfolio halbiert. Der deutsche Caravanmarkt insgesamt ist 2025 um 13,4 Prozent geschrumpft.
Bürstner
Bürstner, ebenfalls aus dem Hymer-Konzern, gibt die Wohnwagen-Produktion komplett auf und hat seine Wohnmobil-Baureihen radikal ausgemistet.
Vermieter & Händler
Bei Vermietern und Händlern gab es eine Reihe von Insolvenzen, zum Beispiel:
Camper Base (2024)
Klinke Caravaning (2024)
FreewayCamper (2025)
Vanever (2026)
Schafhäutle Reisemobile (2026)
amo caravaning (2026)
Die Liste ist nicht vollständig, eine amtliche Branchenstatistik konnte ich nicht finden, und die Insolvenz eines Händlers sagt nichts über die Lage seines Herstellers aus.
Laut CIVD rechnen viele Marktbeobachter mit einer Zunahme der Insolvenzen in den kommenden Monaten, und dem muss ich mich leider anschließen.
Für die Betroffenen ist das bitter. Hinter jeder Insolvenz stehen Menschen: Gründer, Mitarbeitende, Zulieferer und Kunden, die auf teils hohen Verlusten sitzenbleiben. Das darf in einer Diskussion über Marktbereinigung nicht untergehen.
Warum ich in der “Flaute” eine Chance sehe
Mehr als zehn Jahre lang kannte diese Branche nur eine Richtung, nämlich nach oben. Das klingt nach einer echten Erfolgsgeschichte, und das war es auch. Aber ein Markt, der so lange ohne Gegenwind und Schlaglöcher wächst, entwickelt Eigenheiten, die ihm auf Dauer nicht guttun:
Es fehlt Raum (und Bedarf) für Innovation
Wer jahrelang alles aus den Händen gerissen bekommt, was vom Band läuft, hat wenig Grund, sich anzustrengen. In den Boomjahren ging es vor allem darum, Stückzahlen zu schaffen. Grundrisse wurden kopiert, Modellpaletten aufgebläht, Preise erhöht.
Echte Innovation, etwa bei Gewicht, Energieversorgung, Nachhaltigkeit, Materialien oder beim Thema Reparierbarkeit, blieb nach meinem Eindruck von Messen und Gesprächen oft auf der Strecke. Weil sie schlicht nicht nötig war, um zu verkaufen.
Ein Markt, in dem Kunden wieder vergleichen und abwarten, kann Hersteller motivieren, sich über das Produkt zu unterscheiden und nicht nur über die Verfügbarkeit.
Ein übersteigerter Boom zieht “Trittbrettfahrer” an
Das ist keine Wertung gegen Gründergeist, sondern eine Beobachtung. Zwischen 2020 und 2022 ist plötzlich eine nie dagewesene Menge an neuen Camping-Startups aus dem Boden geschossen: Vermieter, Stellplatzportale, Apps, Händler, Zubehörshops und Ausbauer. Teilweise von völlig branchenfremden Gründern oder Investoren, mit Geschäftsmodellen, die rein auf schnelles Wachstum ausgelegt waren und nur bei dauerhaft steigender Nachfrage und billigem Geld funktionierten.
Der roadsurfer-Chef Markus Dickhardt hat es treffend beschrieben: Es sei kein Nachfrageproblem, sondern ein Problem falscher Erwartungen und zu optimistischer Finanzierungsmodelle. Dass solche Modelle jetzt scheitern, ist für die Beteiligten schmerzhaft. Für den Markt als Ganzes kann es eine notwendige Bereinigung sein.
Weniger Druck auf der Verkaufsseite kann der Qualität guttun
Wer in den Boomjahren ein Fahrzeug gekauft hat, kennt die Geschichten von Mängellisten, langen Werkstattwartezeiten und Händlern, die für Service keine Zeit hatten, weil der nächste Neuwagen schon wartete.
Ein Händler, der heute um jeden Kunden buhlen muss, hat zumindest jeden Grund, beim Service besser zu werden. Ob und wie schnell das passiert? Kein Automatismus, aber eine Hoffnung, nicht zuletzt aus Eigennutz.
Die Nachfrage ist nicht weg, sie hat sich normalisiert
44,7 Millionen Campingübernachtungen und ein Gebrauchtmarkt auf Rekordniveau im Jahr 2025 sind alles andere als Anzeichen eines sterbenden Hobbys.
Ich sehe sie vielmehr als Basis für ein Wachstum, das sich an der Zahl der Menschen orientiert, die campen wollen, und nicht an der Zahl der Fahrzeuge, die eine Fabrik ausstoßen kann. Organisch, nicht künstlich. So, wie es vor 2020 schon einmal war.
Mein Fazit: Ist der Boom vorbei?
Dazu gibt es von mir ein klares JEIN.
Ja, wenn man mit Boom die Jahre 2020 und 2021 meint.
Nein, wenn man darunter versteht, dass Camping in Deutschland eine “Nische” ist, die wieder verschwindet.
Die Zahlen sagen etwas Nüchterneres: Der Fahrzeugmarkt kehrt, so meine Vermutung, auf einen Pfad zurück, auf dem er sich ohne Pandemie ohnehin befunden hätte. Mit Reibungsverlusten, die vor allem die trifft, die den Ausnahmezustand für den Normalfall gehalten haben. Wie viel davon Konjunktur, Vorziehkäufe, Preise oder Struktur ist, lässt sich aus den Statistiken allein nicht sauber trennen.
Ich wünsche mir, dass die Branche diese Phase nutzt. Für Fahrzeuge, die leichter, langlebiger und ehrlicher kalkuliert sind. Für echte Neuheiten, gerade auch bei der Elektromobilität. Für (wieder) besseren Kundenservice. Und für ein gesundes, organisches Wachstum, das nicht von schnellen Rekorden, sondern von echter Liebe zum Camping und seinen Menschen getragen wird.
Wie ist deine Meinung zu den aktuellen Entwicklungen? Positiv, negativ oder irgendwas dazwischen? Schreib es uns in die Kommentare!
Quellen
- CIVD: Aktuelle Neuzulassungszahlen (Stand September 2026)
- CIVD: Jahresbilanz 2025, Pressemitteilung vom 19.01.2026
- CIVD: Politikbrief 1/2026 (Besitzumschreibungen 2025)
- CIVD: Jahresbilanz 2020 (erstmals über 100.000 Neuzulassungen)
- CIVD: Jahresbilanz 2019
- CIVD: Jahresbilanz 2023
- BR: Krise oder Normalisierung? So steht es um die Camping-Branche
- promobil: Camping-Rekord 2025, 44,7 Mio. Übernachtungen (Destatis)
- t-online: Wohnmobile, der Trend wendet sich, 27.10.2026
- Berliner Zeitung: Das Ende des Caravan-Booms, 11.07.2026
- ZDF: Caravaning-Branche, Opfer des eigenen Erfolgs
- Knaus Tabbert: Halbjahresbericht 2026, 06.08.2026
- investmentweek: Camping-Boom mit Schattenseite


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