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Kolumne Mitcamper

Mitcamper-Kolumne: Die hilfsbereite Gabi von nebenan

Anahita ist leidenschaftliche Camperin. Mit Van, Partner und Rollstuhl geht sie in Deutschland und den europäischen Nachbarländern auf Entdeckungstour. In dieser Kolumne schildert sie ihre Erfahrungen, Beobachtungen und Erlebnisse rund um das Reisen mit Handicap – mal nachdenklich, mal humorvoll, und immer mit vielen persönlichen Einblicken verbunden. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Anahita!

Seit ich Anfang 2019 endlich auch Camperin wurde, habe ich fast ausnahmslos aufmerksame, hilfsbereite, lustige, mitdenkende Mitcamper kennengelernt. Ich weiß das sehr zu schätzen, denn ich kenne auch die anderen. Die Nervigen, die mich-voller-Mitleid-Anschauenden, die Übergriffigen, die Bevormundenen, die über-mir-Stehenden, die mich-Tätschelnden. Ich kenne die Menschen, die ihren Rucksack auf meinen Rolli legen, wenn ich grade nicht drin sitze. Ich kenne auch die, die mir ihre eigene kleine Krankheitsgeschichte erzählen, weil sie denken, wir würden im selben Boot sitzen. Und ich kenne die, die sagen, dass sie auch mal mit einem gebrochenen Fuß zwei Wochen mit Krücken unterwegs waren und seit dem genau wissen, wie es mir geht. Ich kenne sie, aber sie sind nicht auf Campingplätzen zu finden.

Auf Campingplätzen gilt das kölsche Motto: Levve un levve losse!

Jeder, der schon mal auf einem Campingplatz war, weiß, wie es abläuft. Man kommt an, sucht sich einen schönen Platz, macht es sich erstmal mit einem Getränk vor dem eigenen Wagen gemütlich und akklimatisiert sich. Das macht man, indem man sich das Drumherum ganz genau anschaut. Links sieht man dann vielleicht eine Familie mit zwei Kindern und einem Hund. Möglicherweise hat man direkt durchschaut, dass es für ihn die zweite Ehe ist und die Kinder von ihm sind. Sie hat aber den Hund mit in die Ehe gebracht, deshalb liegt er am liebsten zu ihren Füßen und lässt sich von ihr streicheln. Rechts ist vielleicht ein junger Typ mit Dachzelt auf einem abgerockten Van. Er hat ein Mountainbike dabei, aber auch dicke Wanderschuhe und ein Schlauchkanu, mit dem er meistens morgens Richtung Fluss loszieht. Er hat sich wahrscheinlich grade von seiner Freundin getrennt und will jetzt endlich mal nur das machen, wonach ihm ist. Dazu gehört auch, dass er sich am Abend mit einem Bier zu den zwei hübschen Nachbarinnen setzt, sich für sein Gitarrengeklimper bewundern lässt und keinen Rasierer dabei hat.

Ach, es ist herrlich, sich in Windeseile seine eigene kleine Welt zusammenzureimen. Dass sich am Ende meist herausstellt, dass alles anders ist, ist völlig egal. Bei einem Plausch am Lagerfeuer lacht man sich gemeinsam über die auf beiden Seiten erfundenen Geschichten kaputt. Wir Camper haben alles im Blick, lassen aber jeden so sein, wie er ist. Vielleicht liegt es in der Natur des Campens. Man kommt zufällig in eine Szenerie hinein, die sich täglich ändert, weil immer wieder neue Camper hinzukommen und andere abreisen. Und wenn man selber abreisen will, verlässt man die Szenerie einfach wieder. Auf dem Campingplatz ist man nicht gezwungen, Zeit mit jemandem zu verbringen, den man eigentlich nervig findet. Es ist anders als im Pauschalurlaub, bei dem man jeden Morgen am Frühstücksbüffet den gleichen Mann im zu engen T-Shirt sieht, der einem wieder und wieder das letzte Croissant vor der Nase wegschnappt. Man muss als Camper auch nicht elf Stunden im Flieger nach Kanada neben einer quasselnden Mittdreißigerin sitzen, die grade ein Burnout hatte und aus therapeutischen Gründen ohne Punkt und Komma redet. Als Camper ist man einfach nur so lange an einem Ort, wie man will. Und bis dahin kommt man mit seinen Mitcampern gut klar. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.

Es ist eine Atmosphäre des In-Ruhe-Gelassen-Werdens, aber Da-Seins, wenn man gebraucht wird.

Grade für mich als Rollstuhlfahrerin ist die Camper-Welt deshalb perfekt. Im „normalen Leben“ mache ich oft die Erfahrung, dass mir geholfen wird, obwohl ich gar keine Hilfe brauche. Ich vermute, dass die lieben Helferlein es nur gut meinen und mir das Leben erleichtern wollen. Am Leichtesten ist mein Leben allerdings dann, wenn ich alles allein kann, mir also keiner helfen muss. Durch die Hilfe der anderen werde ich erst daran erinnert, was ich alles nicht allein kann. Und wenn ich merke, dass ich etwas „ganz Normales“ nicht allein kann, ist es eher das Gegenteil von Erleichterung. Es ist ziemlich belastend.

Das ist für meine Mitmenschen nicht immer leicht zu verstehen.

Ich selbst habe es eigentlich erst richtig verstanden, als ich im letzten Campingurlaub die Bekanntschaft von Gabi machen durfte. Auf dem sehr kleinen, aber dennoch sehr großzügigen Campingplatz am See war von Anfang an eine familiäre Atmosphäre. Jeder urlaubte so vor sich hin, aber man kannte sich und plauderte ab und zu beim Spülen oder auf dem Weg zur Dusche miteinander. An einem Nachmittag war mein Freund unterwegs und kraxelte auf einen Berg, während ich es mir am Seeufer mit einem Buch gemütlich gemacht hatte. Zwischendurch hatte ich plötzlich große Lust auf ein kühles Getränk aus unserem Kühlschrank. Ich schwang mich in meinen Rolli und rollte zu unserem Büschen.

Während meines Strandausflugs hatte ich ihn abgeschlossen. Nun versuchte ich verzweifelt, ihn wieder zu öffnen. Mehrere Male drückte ich erst auf alle möglichen Knöpfe auf dem Schlüssel und versuchte dann, die schwere Schiebetür an unserem Camper zu öffnen. Ohne Erfolg. Ich war bereit, es noch ein paar Mal zu versuchen und bei Nicht-Gelingen eben ohne Kaltgetränk zu meinem Badetuch zurückzukehren. Plötzlich kam unsere Camping-Nachbarin Gabi auf leisen Sohlen um die Ecke. „Diese Türen sind aber auch schwer. Soll ich mal versuchen?“ Im Handumdrehen war die Tür auf und die kühle Limo in unmittelbarer Nähe. „Danke Gabi! Zum Glück hast Du mich gesehen. Was für ein toller Zufall, dass Du grade in der Nähe warst!“, sagte ich. Und sie antwortete: „Naja, wenn Du allein bist, habe ich immer mal wieder einen Blick auf Dich. Ich sehe ja, dass Du alles allein machen willst und auch allein kannst. Aber jetzt dachte ich, Du könntest ein bisschen Unterstützung gebrauchen. Einen schönen Tag noch.“ Und schon war sie wieder verschwunden. Typisch Camper. Da sein, aber nicht einmischen. Genau so müsste es eigentlich immer sein.

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Titelbild: (c) Anahita

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