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Mitcamper Kolumne Die Schweizer

Die Mitcamper-Kolumne Teil 2: Die Schweizer – unauffällig aufmerksam

Anahita ist leidenschaftliche Camperin. Mit Van, Partner und Rollstuhl geht sie in Deutschland und den europäischen Nachbarländern auf Entdeckungstour. In dieser Kolumne schildert sie ihre Erfahrungen, Beobachtungen und Erlebnisse rund um das Reisen mit Handicap – mal nachdenklich, mal humorvoll, und immer mit vielen persönlichen Einblicken verbunden. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Anahita!

Wie Heidi fühlte ich mich letztes Jahr, als wir auf einem einzigartigen Campingplatz am Fuße eines Gletschers unseren Camper parkten. Die Berge, die Weite, die frische Luft und das gemütliche Läuten der Kuhglocken in der Ferne sorgten für das perfekte Johanna-Spyri-Feeling. Das gute Brot mit Nüssen und getrockneten Früchten, das Chäs-Fondue im Restaurant im Dörfchen, das nigelnagelneue barrierefreie Sanitärhäuschen und der Klang von Schwyzerdütsch taten ihr Übriges, um mich rundum glücklich zu machen.

Auf diesem Campingplatz stimmte einfach alles. Wir hatten so viel Platz, dass wir unsere Campingstühle auch 50 Meter vom Camper entfernt hätten hinstellen können. Das Gelände war riesig. Und überall standen verstreut Zelte, Wohnmobile, Hippie-Vans und Wüstenfahrzeuge. Sogar in den angrenzenden Wäldern waren noch Zelt- und Stellplätze. So war die Stimmung auf diesem Platz belebt, ruhig und frei zugleich.

In diesem „Getümmel“ suchten wir uns ein wunderbares Plätzchen unter einem schönen Baum mit Blick auf die Mitcamper:innen und vor allem auf den Gletscher. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, tigerten wir direkt los, um die Gegend zu erkunden. Sofort waren wir inmitten einer wunderschönen Landschaft mit riesigen Bäumen, duftenden Blumen, kleinen Bächlein, unzähligen Vögeln und Bergen, Bergen, Bergen.

Als wir grade rätselten, ob das kleine weiße Blümchen am Wegesrand wohl ein Edelweiß sein könnte, kam ein mittelaltes Paar mit einem großen schönen Hovawart an uns vorbei. Es waren ein Schweizer und eine Schweizerin, die uns ganz freundlich darüber aufklärten, dass das Blümchen leider kein Edelweiß, sondern lediglich eine Silberdistel war. Na gut, trotzdem schön. Wir lachten gemeinsam darüber, dass mein Freund und ich schon völlig aufgeregt das verwelkte „Edelweiß“ aus allen Perspektiven fotografiert hatten, und verabschiedeten uns. Wir spazierten weiter fröhlich durch die Heidi-Landschaft, als uns die Schweizerin und der Schweizer plötzlich wieder entgegenkamen.

„Wir wollten nur Bescheid sagen, dass gleich ein Bach mit einem holprigen Weg kommt.“, sagten sie. „Wir dachten, dass Sie vielleicht Unterstützung gebrauchen könnten.“

Wie aufmerksam. Tatsächlich erwartete uns um die nächste Ecke ein reißender Bach, über den eine schmale Holzbrücke führte. Nach eingehender Inspektion der Brücke kamen wir gemeinsam zu dem Entschluss, dass wir zwar mit vereinten Kräften alle auf die andere Seite des Bächleins kommen würden, es jedoch auch diesseits des Baches sehr schön war. Wir verabschiedeten uns ein zweites mal und freuten uns schon auf unser nächstes Treffen mit diesen netten Menschen und dem lieben Hund.

Am nächsten Tag trafen wir das Trio auf dem Weg zum Brot-Holen. Mein Freund fachsimpelte mit den Alpin-Experten:innen über den hohen Berg, auf den er nachmittags kraxeln wollte, und ich sagte, dass ich hoffte, dass er gesund und munter zurückkehren würde.

Als ich dann nachmittags allein gemütlich in meinen Campingstuhl saß, Kaffee trank und in einem dicken Wälzer schmökerte, tauchten die Schweizerin und der Schweizer plötzlich auf. Auf ihrer Hunderunde seien sie zufällig vorbeigekommen und hätten mich gesehen. Ein schönes Plätzchen hätten wir uns da ausgesucht. Sie selbst hätten ja einen Platz in der Nähe der Rezeption, gar nicht zu übersehen. „Einen schönen Nachmittag noch.“ Und schon waren sie weitergezogen.

Ich wusste sofort, wo der Hase lang lief. Sie wollten schauen, ob ich ok bin oder mir Sorgen um meinen Liebsten machte. Wahrscheinlich wären sie in diesem Fall selbst auf den Berg gestiegen, um ihn zu suchen und mir zurückzubringen. Ich bin immer noch unendlich gerührt von dieser unauffälligen Aufmerksamkeit.

Danke, Ihr wunderbaren Mitcamper:innen!

Mein Freund kam übrigens kurze Zeit später putzmunter und beseelt von einer großartigen Bergtour zurück und war froh, dass er sich offensichtlich um mich keine Sorgen machen musste.

Während ich diese Geschichte erzähle, fällt mir auf, dass die Schweizerin und der Schweizer und die liebe Gabi aus meiner letzten Kolumne vieles gemeinsam haben. Sie sind allesamt aufmerksam, unauffällig, zurückhaltend, aber trotzdem im richtigen Moment da. Solche Menschen gibt es nicht oft, aber wenn man die Augen aufmacht, sieht man sie. Vor allem beim Campen.

Der tolle Campingplatz heißt übrigens Camping des Glaciers und befindet sich in La Fouly in der Schweiz.

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Titelbild: (c) Felix Huber

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