Wir lieben Camping und die Spontaneität, die einfach dazugehört. Aber ein bisschen Planung braucht man meistens doch – und sei es nur, um vorab schon mal eine grobe Route, passende Camping- und Stellplätze oder ein paar schöne Ausflugsziele auszuwählen. „Früher“, also noch vor wenigen Jahren, war das manchmal etwas mühsam und mit viel Handarbeit verbunden. Inzwischen kann man sich prima dabei helfen lassen: ChatGPT, Claude und andere Künstliche Intelligenzen sind mittlerweile so gut trainiert, dass sie auch dir bei der Reiseplanung unter die Arme greifen können.
In zwei Podcastfolgen haben wir ausführlich über unsere eigenen Erfahrungen gesprochen: Ich habe meinen einmonatigen Katalonien-Roadtrip mit Claude vorgeplant, Sebastian seine 14-tägige Montenegro-Tour. In diesem Ratgeber bündeln wir alles, was wir dabei gelernt haben: die besten Tools, die richtigen Prompts, die Stolperfallen und ein paar konkrete Beispiele, die du sofort selbst ausprobieren kannst.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist KI eigentlich – und wo liegen die Tücken?
- Was kann KI gut – und was nicht?
- Welches Tool für welchen Zweck?
- Der wichtigste Skill: Prompten lernen
- So nutzt du KI konkret im Camping-Alltag
- Wenn der Chat zu lang wird
- Den eigenen Wissensschatz einspeisen: RAG-Systeme
- Cowork und Browser-Steuerung: Die nächste Stufe
- Die wichtigsten Praxis-Tipps zum Mitnehmen
- Unser Fazit
Was ist KI eigentlich – und wo liegen die Tücken?
Wenn wir heute von KI sprechen, meinen wir meistens sogenannte Sprachmodelle. ChatGPT von OpenAI, Claude von Anthropic, Gemini von Google, Grok von X, Mistral, Perplexity – die Liste ist lang und wird täglich länger. Diese Modelle wurden auf Milliarden von Texten aus dem Internet trainiert. Vereinfacht gesagt: Die Maschine weiß einfach, welches Wort als nächstes am wahrscheinlichsten kommt.
Das klingt erstmal banal. Aber durch die schiere Menge an Trainingsdaten ist das Ergebnis verblüffend gut. Stell dir KI wie einen sehr belesenen Gesprächspartner vor. Der kann zu fast allem etwas sagen, klingt überzeugend und logisch – und liegt manchmal trotzdem komplett daneben.
Halluzinationen: Wenn die KI Campingplätze erfindet
Das größte Risiko nennt sich Halluzination. Die KI erfindet einfach Dinge. Mit voller Überzeugung. Ohne rot zu werden. Sie nennt dir Campingplätze, die es nicht gibt, mit Adressen, Preisen und Ausstattung. Manchmal sogar mit Links, die ins Leere führen.
Sebastian nennt das gerne „professionelles Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit“. Und genau das ist der Punkt: Du merkst es oft nicht, wenn du dich im Thema selbst nicht auskennst. Die KI erfindet auch komplette Studien, die dir beweisen, dass Seife essen gesund ist – und erst wenn du wirklich nachprüfst, fällt der Schwindel auf.
Warum passiert das? Weil in den Trainingsdaten alles drinsteht: echtes Wissen, aber auch Sarkasmus, Quatsch und Verschwörungstheorien. Das berühmte Pizza-Beispiel: Irgendjemand hat auf Reddit aus Spaß geschrieben, man solle Salami mit Tapetenkleister auf der Pizza befestigen. Die KI versteht keinen Sarkasmus. Für sie ist das ein Tipp wie jeder andere.
Veraltete Daten
Die Modelle werden in einem aufwändigen Prozess trainiert, der Monate dauert und Millionen kostet. Danach gibt es einen sogenannten Trainingsstopp – oft ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr vor dem aktuellen Datum. Heißt: Was nach dem Stichtag passiert ist, weiß die KI nicht. Mautpreise von 2026? Neue Regelungen? Aktuelle Öffnungszeiten? Da musst du gegenchecken.
Nele hat es selbst erlebt: Bei der Recherche zu Mautänderungen für 2026 sind sowohl Claude als auch ChatGPT komplett gescheitert. Für solche Themen lieber direkt zu zuverlässigen Quellen wie dem ADAC gehen – oder eben warten, bis die CamperStyle-Recherche fertig ist.
Datenschutz: Was du der KI nicht erzählen solltest
Alles, was du eingibst, landet beim Anbieter. Bezahlte Tarife werben damit, dass deine Daten nicht fürs Training genutzt werden – ob man das glaubt, muss jeder selbst entscheiden.
Was Sebastian niemals eingibt: Passwörter, Buchungsdaten, Kreditkartennummern, Tickets. Auch bei persönlichen Daten gilt: gut überlegen. Wenn du Verträge oder AGB analysieren lässt, schwärze die persönlichen Daten vorher. Und Achtung – wenn du in Word-Dokumenten Sachen löschst, bleiben oft Spuren in der Versionshistorie.
Sebastians Praxis-Hinweis: Wenn du sensible Dokumente analysieren lassen willst, kopiere den relevanten Text einfach in einen leeren Texteditor und entferne dort alle persönlichen Angaben. Erst diesen „sauberen“ Text gibst du in die KI.
Was kann KI gut – und was nicht?
Was richtig gut funktioniert
- Texte zusammenfassen, umformulieren und übersetzen
- Ideen brainstormen und strukturieren
- Komplizierte Sachverhalte einfach erklären lassen (etwa Umweltplaketten-Regeln in einer Sprache, die du nicht sprichst)
- Dialoge führen und nachfragen
- Bilder erkennen und analysieren
- Dokumente und PDFs auswerten
Wo es haperhaft wird
- Aktuelle Infos garantieren (Öffnungszeiten, Preise, Verfügbarkeiten)
- Rechnen und exakte Fakten – Sprachmodelle basieren auf Sprache, nicht auf Mathe
- Echtzeit-Daten wie Wetter, Verkehrslage, Buchungslage
- Persönliche Erfahrung – die KI war noch nie auf einem Campingplatz
Ein wichtiger Tipp dazu: Wenn die KI eine Websuche macht, ist die Information zumindest aus aktuellen Quellen. Du erkennst das oft an kleinen Quellenangaben hinter den Sätzen oder daran, dass die KI dir zeigt, was sie gerade tut. Bei Claude siehst du quasi ein Live-Protokoll: „Ich schaue jetzt deine Podcast-Transkripte an, dann vergleiche ich die Campingplatzdaten.“ Wenn unklar ist, ob die KI recherchiert oder aus dem Speicher zitiert hat – einfach nachfragen: „Hast du das jetzt recherchiert oder kommt das aus deinen Trainingsdaten?“
Welches Tool für welchen Zweck?
Für den Einstieg reichen die kostenlosen Versionen aller großen Anbieter völlig aus. Im Podcast haben wir schon mehrfach erwähnt, dass wir aktuell überwiegend mit Claude arbeiten – aber die Landschaft ändert sich ständig. Hier eine Übersicht, was die Tools so bieten:
ChatGPT (OpenAI) – der Klassiker. Gute Allzweckwaffe, viele Hörer:innen kennen ihn schon. Stark bei kreativen Aufgaben.
Claude (Anthropic) – aktuell unser Favorit. Liefert qualitativ sehr gute Antworten, kommuniziert oft fast wie ein Mensch und gibt dir Einblick, woran er gerade arbeitet.
Gemini (Google) – wenn du eh einen Google-Account hast, kannst du das mit verschiedenen Google-Diensten verbinden. Recherchestark, in der Premium-Variante (Ultra) auch Deep Research.
Grok (X) – das Modell von Elon Musk. Funktioniert im Grunde wie die anderen, aber Achtung: Grok benutzt nicht mehr Wikipedia, sondern eine eigene Variante namens „Grokipedia“, in der Inhalte anders gewichtet sein können. Das solltest du im Hinterkopf haben.
Perplexity – sehr stark bei Recherche-Aufgaben, weniger ein klassischer Chatbot, mehr eine intelligente Suchmaschine.
NotebookLM (Google) – kostenloser Geheimtipp für RAG-Systeme. Du kannst PDFs, Reise-Bücher, eigene Notizen hochladen, und das Tool antwortet ausschließlich auf Basis dieser Quellen. Perfekt für Reiseplanung mit eigenen Materialien. Sebastian hat damit für Montenegro gearbeitet.
Mein Tipp dazu: Wenn du KI noch nie genutzt hast, fang mit einem Tool an. Ich würde Claude oder ChatGPT empfehlen, beide haben gute Smartphone-Apps und einfache Bedienoberflächen. Erst wenn du dich daran gewöhnt hast, lohnt es sich, weitere Modelle zu testen.
Kostenlos oder Bezahl-Account?
Für Reiseplanung, Übersetzungen und alltägliche Fragen reicht die kostenlose Version locker aus. Nele hat zum Beispiel ihre Barcelona-Architektur-Tour mit dem kostenlosen ChatGPT auf dem Handy zusammengestellt – inklusive Google-Maps-Export. Klappt einwandfrei.
Bezahlmodelle (meist 20 Euro pro Monat) lohnen sich, wenn du:
- sehr intensiv recherchieren lässt (mehrere Stunden Recherche pro Anfrage)
- viele lange Dokumente analysieren willst
- die KI deinen Browser steuern lassen möchtest
- regelmäßig an Limits stößt
Profi-Modelle wie Gemini Ultra oder ChatGPT Pro kosten 100 bis 200 Euro im Monat. Die machen wirklich Deep Research und können eine halbe Stunde an einer Antwort arbeiten. Brauchst du selten – außer du verdienst dein Geld mit Recherche.
Sebastians Praxis-Hinweis: Wenn du verschiedene Tools parallel kostenlos nutzt und an Limits stößt, kannst du die Aufgabe einfach im nächsten Tool fortsetzen. Erst Claude, dann ChatGPT, dann Gemini. So kommst du oft auch ohne Bezahlaccount sehr weit.
Der wichtigste Skill: Prompten lernen
Es gibt diesen IT-Spruch: „Shit in, shit out.“ Heißt: Wenn du Müll reingibst, kommt Müll raus. Genau so funktioniert es beim Prompten. Wenn du der KI sagst „Ich brauch eine Reiseroute nach Spanien“, wirst du eine bekommen. Sie wird aber wahrscheinlich nicht zu dir passen.
Die Grundregeln für gute Prompts
1. Kontext, Kontext, Kontext. Je mehr Hintergrundinformationen du gibst, desto besser. Was hast du für ein Fahrzeug? Wie viele Personen? Welche Reisezeit? Welche Vorlieben?
2. Rolle zuweisen. „Du bist Reisekaufmann und Experte für Spanien“ – das schränkt den Blickwinkel der KI ein. Sie konzentriert sich dann auf relevante Trainingsdaten und antwortet zielgerichteter.
3. Klare Zielsetzung. Was willst du eigentlich? Eine Route? Eine Liste? Einen Vergleich?
4. Beispiele geben. Wenn du einen guten Campingplatz kennst, der genau dem entspricht, was du suchst – nenn ihn. Die KI versteht dann viel besser, was du meinst.
5. Sag auch, was du nicht willst. „Keine Massen-Campingplätze mit Wasserpark“ ist eine wertvolle Information.
6. Quellen einfordern. „Bitte gib mir Quellen an“ oder „Recherchiere intensiv im Netz“ hilft, Halluzinationen zu reduzieren.
Neles Katalonien-Prompt: Ein Beispiel, das funktioniert hat
Hier der Prompt, mit dem Nele in Claude eine richtig gute Vier-Wochen-Route gebaut hat:
„Du bist Reisekaufmann und Experte für Spanien, Katalonien. Du sollst mir dabei helfen, für eine Kooperation mit dem Tourist Board eine schöne Route zusammenzustellen, über die ich dann im CamperStyle Magazin und Podcast berichten kann. Ich werde ungefähr vier Wochen vor Ort sein mit Wohnwagen und Hund und möchte langsam reisen, also nicht jeden Tag oder jeden zweiten den Standort wechseln. Am liebsten würde ich immer circa eine Woche auf einem Campingplatz bleiben und von dort aus die Umgebung erkunden. Schau dir bitte die Transkripte aus unseren Podcast-Folgen sowie die Webseite des Catalan Tourist Board an und erstelle mir daraus Vorschläge für eine Tour, die in oder um Barcelona startet und endet und schwerpunktmäßig die touristisch am wenigsten bekannten Gebiete integriert.“
Was Nele hier richtig gemacht hat: Rolle, Kontext, klare Zeitvorgabe, Reisestil, Fahrzeug, Begleiter, eigene Quellen verlinkt (Podcast-Transkripte und Website). Claude hat daraus eine durchdachte Route mit Basislagern, kulinarischen Tipps und Podcast-Ideen in Tabellenform ausgearbeitet.
Sebastians Lehre aus dem schlechten ersten Montenegro-Prompt
Sebastians Kollege hatte zuerst nur eingegeben: „14 Tage, Montenegro, schöne Route.“ Die KI hat geliefert – aber jeden Tag einen halben Tag Fahrt. Keine Berücksichtigung von Pässen, die in der Reisezeit gesperrt sein könnten. Kein Wetter-Check.
Sebastian hat dann nachgebessert: Anfahrt aus Deutschland, Fahrzeugtyp (Ford Ranger mit Tischer-Absetzkabine), zwei Personen, vegetarisch, Wunsch nach spektakulären Drohnenvideos und Action-Cam-tauglichen Spots, maximal eine Stunde Fahrt pro Tag oder zwei Tage am gleichen Ort bei längeren Etappen. Plus die schon bestehende Route als Ausgangspunkt: „Bitte prüfe das mal.“
Das Ergebnis war der durchdachteste Montenegro-Plan, den Sebastian je gesehen hat. Inklusive Hinweis: „Achtung, der Pass auf eurer Route ist um die Zeit wahrscheinlich gesperrt.“ Inklusive Hinweis auf 1.400 Kilometer Anfahrt: „Wollt ihr das wirklich so machen?“
Mein Tipp: Stell dir die KI wie einen super fähigen, aber komplett ahnungslosen neuen Kollegen vor. Du musst ihm alles erklären. Aber wenn du das gut machst, liefert er gigantisch ab.
Drei Geheimtipps für bessere Antworten
Diese drei Sätze hängt Sebastian an viele seiner Prompts an – und du solltest das auch tun:
- „Stelle mir bitte alle Fragen, bis du zu 95 % sicher bist, dass wir vom Gleichen reden.“ Damit zwingst du die KI, nachzuhaken, statt zu raten.
- „Sag mir bitte auch, was ich vielleicht übersehen oder vergessen habe.“ Bringt eine zusätzliche Perspektive rein, die du selbst nicht auf dem Schirm hattest.
- „Hast du irgendwo gepfuscht?“ Klingt blöd, aber funktioniert. Die KI kontrolliert dann ihre eigenen Aussagen und korrigiert sich oft selbst.
Mein zusätzlicher Tipp: Eine vierte Variante, die ich oft nutze: „Bevor du antwortest, denke Schritt für Schritt nach und liste deine Annahmen auf.“ Das macht die Antwort transparenter und du erkennst sofort, wo die KI auf Glatteis ist.
So nutzt du KI konkret im Camping-Alltag
Routenplanung – mit Vorsicht zu genießen
Die KI kann keine echte Routenplanung. Sie kennt keine Straßensperrungen, keine LKW-Verbote, keine Brückenhöhen. Was sie aber kann: Auf Basis ihrer Trainingsdaten und Webrecherche eine Etappenstruktur vorschlagen, Points of Interest identifizieren und Reisezeiten grob schätzen.
Wichtig: Lass dir die Route immer für Google Maps exportieren und checke dort gegen. Bei Claude geht das mit einem einfachen Prompt: „Kannst du mir die Route für Google Maps aufbereiten?“ Bei der Cowork-Version (Claude-App auf dem Rechner) klappt das sogar mit einem Klick – Sebastian hat seine komplette Montenegro-Route so direkt in Google Maps geschickt.
Fahrzeit-Faktor für Wohnwagen: Die KI nimmt die PKW-Zeiten von Google Maps und kann nicht einschätzen, dass du mit Gespann länger brauchst. Wir multiplizieren die Standard-Fahrzeit immer mit 1,5. Sag das der KI, wenn du genauere Zeiten willst – oder rechne selbst nach.
Mein Tipp für die Praxis: Lass die KI explizit prüfen, ob die vorgeschlagenen Strecken für dein Fahrzeug geeignet sind. Beispiel-Prompt: „Bitte prüfe für jede Etappe, ob die Strecke für ein Gespann mit 13 Metern Gesamtlänge und 2 Tonnen Wohnwagengewicht geeignet ist. Markiere kritische Pässe, enge Serpentinen und Tunnel-Höhenbeschränkungen.“ Genau so hat Claude bei Nele die Hochpyrenäen-Etappe (2.072 m Höhe, enge Serpentinen) ausgetauscht gegen die gut ausgebaute Cerdanya-Ebene.
Campingplatz-Recherche
Hier ist ein konkreter Prompt-Vorschlag für eine Familie mit Hund und großem Wohnwagen, die nach Kroatien will:
„Du bist Experte im Suchen von Campingplätzen und wirklich gut in der Recherche. Ich suche einen Campingplatz für eine Familie. Wir sind zwei Erwachsene und zwei Kinder im Alter von acht und sechs Jahren. Unsere Interessen sind Schwimmen, Animation für die Kinder, ruhige Erwachsenenecken am Abend. Wir mögen Campingplätze, die familiär sind, aber trotzdem einen Wasserpark oder einen guten Pool haben. Wir haben einen Hund dabei. Wir haben einen doppelachsigen Wohnwagen, der allein über zwei Tonnen wiegt – wir brauchen also einen Platz mit großen Parzellen. Wir mögen Stellplätze nahe am Wasser. Wir wollen in der Hauptsaison Mitte Juli für 14 Tage nach Kroatien. Nutze bitte die großen Campingportale wie Camping.info und Pincamp und die Websuche. Recherchiere intensiv und liefere mir fünf Vorschläge für die besten Campingplätze. Begründe bitte, warum du sie vorschlägst, und zeige, wo meine Vorlieben am besten passen.“
Im zweiten Schritt kannst du dann verfeinern: „Vom Stil her gefällt mir Platz drei am besten, aber das ist zu teuer. Hast du was Vergleichbares zu einem günstigeren Preis?“ Oder: „Bitte gib mir die URLs zu den Plätzen direkt mit, damit ich nicht selbst suchen muss.“
Sebastians Praxis-Hinweis: Bei Preis-Recherchen niemals den Trainingsdaten vertrauen. Lass die KI immer aktiv im Netz suchen und gib einen Hinweis wie „Folge bitte den Links und prüfe die aktuellen Preise auf den Webseiten der Campingplätze“. Selbst dann: vor der Buchung selbst checken, weil Preisstrukturen (pauschal pro Parzelle vs. pro Person plus Strom plus Hund plus Dusche) oft nicht eins zu eins vergleichbar sind.
Fahrzeug- und Technikfragen
Hier glänzt KI richtig. Wenn dein Kühlschrank klackert, der Camper komische Geräusche macht, eine Fehlermeldung erscheint oder eine Lampe blinkt, die du nicht zuordnen kannst – frag die KI. Mit Foto. Du bekommst Antworten, die teilweise so detailliert sind, dass selbst erfahrene Mechaniker:innen ins Grübeln kommen.
Aber: Bei Gas, Elektrik, Bremsen oder allem Sicherheitsrelevanten gilt: KI als Erstinformation nutzen, dann ab in die Werkstatt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die KI dir empfiehlt, mit einem Feuerzeug nach einem Gasleck zu suchen, ist gering – aber nicht null. Es kann nämlich sein, dass das irgendwo als Sarkasmus in den Trainingsdaten steht. Nutze die KI, um vorbereitet in die Werkstatt zu gehen und mögliche Ursachen zu nennen.
Mein Tipp: Mach mehrere Fotos aus unterschiedlichen Winkeln, wenn du ein Bauteil identifizieren willst. Und schreib dazu, in welchem Kontext es steht („Das hing am Kühlschrank im Wohnwagen, Modell XY, Baujahr 2018″). Je mehr Kontext, desto besser die Erkennung.
Sprache und Übersetzung
Hier macht KI einen riesigen Qualitätssprung gegenüber älteren Tools wie dem klassischen Google Translator. Mehrere Anwendungsfälle:
Speisekarten übersetzen: Foto in der Claude- oder ChatGPT-App, fertig. Du kannst dir auch jedes Gericht im Detail erklären lassen, falls die Übersetzung dir nichts sagt.
E-Mails an Campingplätze schreiben: Tipp deinen deutschen Text ein, sag „Schreib das bitte als höfliche Anfrage auf Spanisch/Italienisch/Kroatisch“. Die KI kümmert sich um Höflichkeitsformen, die im Land üblich sind.
Dialekt anpassen: Nele spricht mexikanisches Spanisch, was in Spanien manchmal zu schräg klingt. Sie lässt ihre Texte routinemäßig ins „spanische Spanisch“ umformulieren. Funktioniert auch, wenn du Schweizerdeutsch in Hochdeutsch oder bayerisch in Norddeutsch transformieren willst.
Echtzeit-Übersetzung: Die neuen Apple AirPods Pro 3 haben eine Live-Übersetzungsfunktion direkt im Ohr. Google hat das vor Kurzem auch im Translator nachgezogen, funktioniert mittlerweile mit jedem Kopfhörer (Internetverbindung nötig). Das ist ein Riesenfortschritt für Gespräche im Ausland.
Etiketten in der Drogerie oder im Supermarkt: Google Lens kann live durch die Kamera übersetzen – du hältst dein Handy auf das Etikett, und auf dem Display siehst du die deutsche Übersetzung. Funktioniert super in Ländern mit Sprachen, die wir gar nicht verstehen (Albanisch, Serbisch, Tschechisch).
Sebastians Praxis-Hinweis: Wenn du eine seltenere Sprache lernen willst, für die es keine guten Apps gibt: Bitte Claude oder ChatGPT, dir einen Mini-Sprachkurs im Stil von Duolingo zu bauen. Mit täglichen Lektionen, Vokabel-Drill und Übungssätzen. Sebastian baut sich gerade so einen kleinen Montenegrinisch-Kurs für seine Reise.
Lokale Sitten und Trinkgeld
Wir haben Claude live im Podcast gefragt, wie viel Trinkgeld in Katalonien üblich ist, und eine richtig gute Antwort bekommen: 5 bis 10 % im Restaurant bei gutem Service, in Tapas-Bars Aufrunden oder Kleingeld liegen lassen, in Cafés das Wechselgeld liegen lassen, bei Taxis aufrunden, in Hotels 1 bis 2 Euro pro Tag für Zimmerservice.
Solche Fragen funktionieren super, weil dazu massig Trainingsdaten existieren. Du kannst nach Kleidungsregeln in Moscheen fragen, nach Tischmanieren in Japan, nach Strand-Etikette in der Türkei – das klappt meistens gut. Bei sehr seltenen Sitten würde ich gegenchecken.
Maut und Vignetten
Generelle Infos („Brauche ich in Slowenien eine Vignette?“) funktionieren gut. Aktuelle Preise wegen häufiger Änderungen lieber gegenchecken oder im Prompt explizit sagen: „Bitte recherchiere die aktuellen Preise für 2026 auf den offiziellen Mautbetreiber-Seiten.“
Sicherheits-Recherche im Reiseland
Das ist ein Use Case, den Nele für Katalonien getestet hat. Frag die KI: „Welche Betrugsmaschen oder Sicherheitsrisiken sollte ich auf der A7 zwischen La Jonquera und Barcelona kennen?“ Du bekommst meistens eine gute Übersicht (Pannenmasche, falsche Polizisten, Überfälle an Rastplätzen) plus Verhaltensempfehlungen.
Was wir konkret gelernt haben: Vor La Jonquera in Frankreich oder direkt nach der Grenze in Spanien tanken, dann musst du auf dem berüchtigten Autobahnabschnitt keinen Stopp einlegen. Auf Empfehlungen in offizieller Uniform am Straßenrand, die Bargeld verlangen, niemals einsteigen – die echte spanische Polizei macht das nicht.
Mein Tipp: Solche Infos immer mit einer Suchmaschinen-Anfrage und Zeitungsberichten gegenchecken. Die KI kann ausgeschmückte Geschichten als Fakten ausgeben.
Campingküche: Was kochen aus dem, was im Kühlschrank ist?
Mach ein Foto vom Kühlschrank-Inhalt und sag „Wir sind zu zweit, was können wir daraus zaubern?“. Die KI erkennt die Lebensmittel und schlägt Gerichte vor. Inspiration garantiert. Auch Allergien und Unverträglichkeiten kannst du angeben.
Bei Backrezepten manchmal vorsichtig: Sebastian hat mal einen Schokokuchen aus einem KI-Rezept gemacht – „übertrieben schokoladig, weil viel zu viel Backkakao“. Wer kochen kann, merkt schnell, wenn ein Rezept Quatsch ist. Anfänger:innen sollten gegenchecken.
Mein zusätzlicher Use-Case: Lass dir auch Mengen umrechnen. Wenn du ein mexikanisches Rezept findest, das mit „1 cup“ und „1 stick“ arbeitet, sag der KI „Rechne das bitte in Gramm und Milliliter um, wir haben kein cup-Maß“. Funktioniert top, weil die nötigen Umrechnungen massig in den Trainingsdaten sind.
Wenn der Chat zu lang wird
Ein Phänomen, das viele übersehen: Je länger ein Chat dauert, desto schlechter werden die Antworten. Das liegt daran, dass die KI bei jeder neuen Antwort den gesamten bisherigen Verlauf mitverarbeitet. Irgendwann verheddert sie sich.
Tipp: Wenn die Antworten merklich schlechter werden, lass dir eine Zusammenfassung geben („Fass mir bitte zusammen, was wir bisher zur Reiseplanung erarbeitet haben“) und kopiere diese Zusammenfassung in einen neuen Chat. Da geht es dann frisch weiter, ohne den Ballast.
Noch besser: Nutze die Projekt- oder Memory-Funktion. Bei Claude kannst du ein Projekt anlegen (zum Beispiel „Kroatien-Urlaub 2026″) und alles, was zur Reise gehört, dort sammeln. Die KI hat dann immer den Kontext parat. Alle anderen großen Anbieter haben mittlerweile ähnliche Funktionen.
Sebastians Praxis-Hinweis: Lege dir für wiederkehrende Themen (Familienreisen, Solo-Reisen, Hund dabei) eine Basis-Beschreibung in einer Notizen-App ab. Die kopierst du dann am Anfang jedes neuen Chats rein. Spart Zeit und sorgt für konsistente Antworten.
Den eigenen Wissensschatz einspeisen: RAG-Systeme
Das klingt technisch, ist aber super simpel. RAG steht für „Retrieval Augmented Generation“ – frei übersetzt: „Antworten aus eigenem Wissen“.
Tools wie NotebookLM von Google (kostenlos!) lassen dich PDFs, Websites, YouTube-Videos und eigene Notizen hochladen. Die KI antwortet dann ausschließlich auf Basis dieser Quellen. Sebastian hat das für Montenegro genutzt: Offroad-Bücher als PDFs reingeladen, eigene Notizen, Tipps aus Social-Media-Bubbles. Daraus hat NotebookLM eine Liste von Points of Interest und Offroad-Strecken zusammengestellt – die werden vor Ort dann mit der Realität abgeglichen.
Ideal für:
- Reisepläne mit eigenem Reiseführer (PDF)
- Recherche aus mehreren langen Dokumenten
- Allem, wo du der KI nicht „freies Erfinden“ erlauben willst, sondern nur eigene Quellen
Mein Tipp: Wenn du oft die gleichen Reiseunterlagen brauchst (Versicherungs-AGB, Mietvertrag-Vorlagen, eigene Packlisten), leg dir ein NotebookLM-Notebook an und füttere es einmal mit allem. Dann kannst du bei jeder neuen Reise einfach Fragen stellen – ohne jedes Mal die Dokumente neu hochzuladen.
Cowork und Browser-Steuerung: Die nächste Stufe
Claude bietet eine Desktop-App namens Cowork (Mac und Windows). Mit einer Chrome-Erweiterung kann die KI dann tatsächlich deinen Browser steuern. Sebastian nutzt das zum Beispiel, um Drohnen-Registrierungen auf ausländischen Behördenseiten durchzugehen, Hundefutterpreise zu vergleichen oder Routen direkt in Google Maps abzulegen.
Vorteile:
- Die KI kann viel mehr recherchieren, weil sie Seiten aufrufen kann, die andere KIs blockieren
- Du sparst dir Copy-Paste-Marathons
- Hilfreich auf fremdsprachigen Behördenseiten
Nachteile:
- Du musst der KI Browser-Zugriff geben (Vertrauensfrage)
- Theoretisches Sicherheitsrisiko: Eine bösartige Webseite könnte versuchen, die KI zu manipulieren („Prompt Injection“). Aktuell noch ein sehr seltenes Szenario, aber technisch möglich.
Sebastians Praxis-Hinweis: Wenn du die Browser-Steuerung nutzt, leg dafür ein separates Browser-Profil ohne gespeicherte Passwörter und ohne aktive Logins zu sensiblen Konten an. Damit minimierst du das Risiko, falls doch mal etwas schiefläuft.
Die wichtigsten Praxis-Tipps zum Mitnehmen
- Glaub der KI im Zweifel gar nichts. Sie kann sich täuschen – und tut das mit voller Überzeugung.
- Gib viel Kontext. Wer du bist, was du fährst, mit wem du reist, was du willst, was du nicht willst.
- Lass die KI nachfragen, bevor sie antwortet. Der Magic-Prompt: „Stelle mir alle Fragen, bis du zu 95 % sicher bist, dass wir vom Gleichen reden.“
- Lass dir Quellen geben und prüf sie selbst. Vor allem bei Preisen, Öffnungszeiten und sicherheitsrelevanten Themen.
- Gib keine sensiblen Daten ein. Passwörter, Buchungsnummern, Kreditkarten – niemals.
- Nutz die kostenlosen Versionen zum Einstieg. Erst wenn du an Limits stößt, lohnt sich ein Bezahlmodell.
- Bleib flexibel. Die KI-Route ist ein Vorschlag, kein Gesetz. Vor Ort wird sich vieles anders entscheiden – und das ist gut so.
- Probier verschiedene Tools aus. Die Anbieter überholen sich gegenseitig im Wochentakt. Was heute Sieger ist, kann morgen Vergangenheit sein.
- Fang einfach an. Du musst kein Experte sein. KI ist wie alles andere: Übungssache.
Unser Fazit
KI ist keine Zauberei und keine Bedrohung. Es ist ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug funktioniert es nur dann gut, wenn man weiß, wie man es benutzt. Wir sehen das so: Wer sich heute komplett verweigert, verpasst eine ganze Menge. Wer aber alles blind übernimmt, was die KI sagt, wird auch nicht glücklich.
Der gesunde Mittelweg: KI als Co-Pilot nehmen, der dir Stunden an Recherche abnehmen kann. Aber das letzte Wort hast du. Du fährst die Strecke. Du buchst den Platz. Du isst das Gericht von der Speisekarte. Und du entscheidest, ob du der Empfehlung folgst oder nicht.
Probier es einfach mal aus. Plane deinen nächsten Wochenend-Trip mit Claude oder ChatGPT. Schreib eine E-Mail an einen Campingplatz im Ausland. Lass dir ein Rezept aus deinem Kühlschrank-Foto vorschlagen. Du wirst schnell merken, wo es funktioniert – und wo du lieber selbst nochmal nachschaust.
Und wenn du bei deinen Experimenten lustige Pannen oder geniale Treffer hast – schreib uns. Wir sammeln gerne Beispiele aus der Community, weil das Thema so spannend ist und sich gerade rasant weiterentwickelt.
Bis dahin: viel Spaß beim Prompten!
Titelbild: mit Gemini erstellt
